Philip Gassmann
Clemens Schmiedbauer
Philip Gassmann

Workshop

Green Screen


Wie hältst du’s mit der Nachhaltigkeit? Die Gretchenfrage ist auch bei Film- und TV-Produktionen angekommen. Green-Filming-Experte Philip Gassmann zeigt enormes ökologisches und ökonomisches Potenzial auf. morgen besuchte einen seiner Workshops und sprach mit Fachleuten, die diesen absolvierten.

Ein großer, heller Raum mitten im belebtesten Teil des siebten Wiener Gemeindebezirks, wenige Tage bevor der Shutdown das Land lahmlegt. Alle Augen sind nach vorn gerichtet, verfolgen das Geschehen auf der Leinwand voller Spannung. Doch dort zu sehen ist nicht etwa eine packende Thrillerszene, sondern es sind Zahlentabellen und Diagramme – nichts also, womit man normalerweise ein anspruchsvolles Publikum mitreißen kann. Noch dazu eines, das wie hier aus Fachleuten besteht, die in ihrem Metier, dem Film- und TV-Business, schon seit Jahren zuhause sind. Doch was an diesem Tag vermittelt wird, fesselt die meisten der Anwesenden wie ein guter Krimi – in dem sie selbst die Täterinnen und Täter sind.

Nachhaltigkeit ist derzeit zu Recht ein großes Thema. Laut Wissenschaft ist es für uns längst fünf Sekunden vor zwölf, dem endgültigen Ablauf der Weltrettungsfrist. Schön langsam sollten wir aus unsem Halbschlaf aufwachen. Da macht es Sinn, bei den großen Projekten anzusetzen. Film- und Fernsehproduktionen sind riesige Unternehmungen, die sich mit Millionenbudgets und oft Hunderten Mitarbeitern über Monate und Jahre hinziehen und bei denen der Energie- und Material­aufwand enorm ist.

Ein Thema, über das Philip Gassmann, geboren 1960 in Heidelberg, stundenlang reden kann. Was er auch macht, mit großer Hingabe und bemerkenswerter Expertise. Der Bezug zum Umweltschutz kam früh: Schon als Schüler hat er gegen Atomkraft demonstriert, etwa vor dem deutschen Atomkraftwerk Brokdorf in den 1980ern. „Wir waren sowas wie Fridays for Future – und das vor 40 Jahren! Aber schon damals habe ich mir gedacht: Nur demonstrieren ist zu wenig. Also habe ich einen der ersten Bioläden in Deutschland gegründet, es gab davon nur eine Handvoll im ganzen Land. Seitdem begleitet mich das Thema.“ Gassmann wechselte die Branche, studierte Theater, Regie und Beleuchtung und landete schließlich bei der Produktion, mit großem nationalem und internationalem Erfolg. „Vor sieben, acht Jahren habe ich gemerkt: Wir haben da ein echtes Problem. Und ab dann ging’s für mich back to the roots!“ Also zurück zur Umwelt.

Kampf gegen Klischees

Gassmann hält die bereits dritte mehrtägige Lehrveranstaltung zum Thema Green Filming, die die Lower Austrian Film Commission (LAFC) für interessierte Mitglieder der Branche veranstaltet. Gerade erläutert der Experte, welche Alternativen es zu benzin- oder dieselbetriebenen Mietautos am Set gibt. Gassmanns Favorit: Erdgas. In den letzten Jahren hat sich auf diesem Sektor enorm viel getan. „CNG“, für „Compressed Natural Gas“, ist jetzt das Schlagwort: sparsame Motoren, die mit Biogas betrieben werden können, längst schon in Serienwägen verbaut und großzügig steuerlich gefördert werden. Die sorgsam recherchierten Tabellen, die Gassmann gerade auf die Leinwand projiziert, zeigen, wie günstig sich das auf eine Filmproduktion auswirken kann – auch die Treibstoffkosten liegen einiges unter dem, was die Vergleichsmenge an Benzin oder Diesel kosten würde.

Workshop-Teilnehmer Peter Drössler ist ein arrivierter Dokumentarfilm-Produzent und war lange für die Umweltschutzorganisation Global 2000 tätig. „Ich beschäftige mich seit 40 Jahren mit Umweltmanagement“, erzählt er. „Es ist ungemein spannend zu sehen, wie sich Techniken, mit denen ich mich in den 1990ern beschäftigte, weiterentwickelt haben. Ich habe vieles wiederentdeckt und neu gelernt.“ Christian Haider, der dieser Tage ebenfalls Gassmanns Veranstaltung besucht, meint: „Am meisten überraschte mich, wie umfassend das Thema Green Filming eigentlich ist.“ Er ist Fachmann für Film- und Urheberrecht, und will sich in Sachen Green Producing auf dem neuesten Stand halten. „Es gibt hier so viel mehr Bereiche, als man denken würde!“

Das ist auch eine der wichtigsten Botschaften, die Gassmann vermitteln möchte. „Wenn man das Schlagwort ,Green Filming‘ erwähnt, denken die meisten Menschen immer noch hauptsächlich daran, dass man Plastikbecher am Set vermeiden soll. Es ist ein verzweifelter Kampf, von diesem Klischee wegzukommen.“ In Wirklichkeit ist die Wahl der Getränkebehältnisse für das Team nur ein winziger Teil des Konzepts, das der Workshop vermitteln soll. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, wenn möglichst wenig Einweg-Produkte verwendet werden – aber beim Green Filming geht es um viel mehr als bloße Abfallvermeidung. „Das Einwegbecherklischee ist wie eine grüne Wand, hinter der viele Produzenten das wahre Potenzial von Green Filming nicht sehen können. Das Ziel ist viel größer: Wir wollen generell effizienter und schlauer produzieren. Damit wird auch Geld gespart. Aber das wird leider immer noch stark verdeckt durch diese Plastik- und Flaschenproblematik.“ Was ist dann das wahre Potenzial? „Produktionen sind naturgemäß sehr unterschiedlich“, sagt Gassmann. „Manche sind eher reisebasiert, bei manchen wird viel gebaut … es gibt kein Patentrezept. Aber generell geht es beim Einsparungspotenzial um drei große Themenbereiche: Transport, Energie und Material.“

„Das Einwegbecherklischee ist wie eine grüne Wand.“

Umweltengerl und Mannerbruch

Sigrid Riedmann, Absolventin von Gassmanns ersten beiden Seminaren, kann darüber eine lange Geschichte erzählen. Sie leitet das Head Office der österreichischen Gebhardt Productions, die unter anderem die TV-Serien „SOKO Kitzbühel“ und „Wischen ist Macht“ produziert. Seit etwa einem Jahr ist sie die offizielle Green-Producing-Beauftragte der Firma. „Als mein Chef Florian Gebhardt 2019 gemeint hat, dass ich diese Position übernehmen soll, wusste ich anfangs noch nicht wirklich, was das eigentlich ist“, erzählt Riedmann. „Obwohl ich seit 35 Jahren in der Film- und Fernsehproduktion tätig bin.“ Riedmann begann zu recherchieren, und das Timing war perfekt: Kurz darauf fand Philip Gassmanns Green-Filming-Seminar statt. „Ich habe extrem viel gelernt. Es gibt in allen Bereichen der Produktion so viele Möglichkeiten und Alternativen.“

Als Green-Producing-Beauftragte liegt es nun in Riedmanns Verantwortung, sicherzustellen, dass das Grün bei „grünen“ Produktionen nicht nur dekorativ aufgemalt ist: Für die Vergabe des offiziellen Umweltzeichens vom Umweltministerium erstellte der Verein für Konsumenteninformation (VKI) eine umfangreiche Liste mit Anforderungen, die sich durch sämtliche Produktionsbereiche ziehen und alle erfüllt werden müssen.

Die allererste „offizielle“ grüne Produktion in Österreich war der von David Schalkos Superfilm produzierte Landkrimi „Höhenstraße“ aus 2016. Bei Gebhardt Productions ist die TV-Serie „SOKO Kitzbühel“ seit 2019 grün-zertifiziert. „Ich wollte, dass wir nicht einfach die VKI-Liste abarbeiten, um das Umweltzeichen zu bekommen“, erzählt Riedmann, „sondern wirklich ins Detail gehen. Wenn wir Nachbestellungen hatten, dann nur Geräte mit blauem Umweltengerl. Wir haben keine Kugelschreiber-Großpackungen mehr gekauft, sondern einige wenige, und dann die Minen getauscht. Früher gab’s für Gäste und unser Team einzeln verpackte Schokoriegel, jetzt bekommen sie Manner- und Dragee-Keksi-Bruch in Portionsgläsern. Am Set gibt’s personalisierte Emailhäferln und Trinkflaschen, keine Kapsel-Kaffeemaschinen mehr und so weiter. Und das i-Tüpfelchen: Durch die Vermeidung von Müll sparen wir auch noch Geld!“ Wie reagierte das Filmteam? „Es sind alle dahintergestanden, auch die Darstellerinnen und Darsteller. Die kamen alle mit der Bahn ans Set. Das muss man einmal schaffen, dass ein Schauspieler von Hamburg nach Kitzbühel mit der Bahn fährt!“

Baumaterial aus Pilzen

Allerdings gibt’s gerade beim Transport noch Hindernisse: „Der Fuhrpark bestand nur zum Teil aus Hybridautos – mehr waren am Markt einfach nicht verfügbar. Wir haben den zusätzlichen CO2-Ausstoß mit einer Spende an ein Projekt der BOKU für Aufforstungen in Äthiopien ausgeglichen.“ Der Bereich mit der meisten Luft nach oben ist laut Riedmann derzeit die Ausstattung. „Hier gibt es noch viel Wachstumspotenzial. Es gibt zwar schon großartige Innovationen wie zum Beispiel aus Pilzen hergestellte Baumaterialien, nur hapert’s da an der Verfügbarkeit.“ Und am Preis: Solche Innovationen sind derzeit oft noch sehr teuer. Ebenso wie die neueste Beleuchtungstechnik, die zwar weitaus energiesparender und flexibler ist als die zuvor, aber auch noch recht kostenintensiv. „Außerdem sind diese Geräte teils hochkomplex, da muss man die Leute finden, die damit arbeiten wollen und die sich wirklich auskennen.“

Ein weiterer Punkt, so Riedmann: „Green Filming muss auch Sinn machen. Wir drehen viel in den Bergen, und da gibt es weit und breit keine E-Tankstellen für Elek­troautos. Oder: Wenn man dringend für eine Szene ein Studio mit einem roten Boden braucht, dann macht es keinen Sinn, wenn man umweltfreundlichen wasserlöslichen Lack benützt, der mehrere Tage zum Trocknen braucht.“

Echte Kreativität ist gefragt, ein Um- und Weiterdenken, und zwar in allen Bereichen. „Die Film- und TV-Branche ist eigentlich konservativ, schwerfällig und angstbeladen“, so Philip Gassmann. „Auch wenn wir immer meinen, wir seien so wahnsinnig innovativ, stimmt das oft nicht. Dann kommen noch Zeit- und Quotendruck dazu – und so macht man ständig in gewohnten Bahnen weiter.“ Und das ist nicht nur für die Umwelt gefährlich, sondern auch für den Profit – denn so drohe besonders das junge Publikum verloren zu gehen. Mit offenem Mindset, so Gassmann, ließe sich auch das verhindern: „Unsere Generation hat die Erfahrung und das Wissen. Und wenn die Jungen merken, dass wir in die richtige Richtung denken, dann sagen die schnell mal: ‚Okay, wir hören dem alten Mann mal zu.‘“

Green Filming funktioniert nur als Evolution, nicht als Revolution. Einig sind sich jedenfalls alle, die mit dem Thema zu tun haben, dass diese unbedingt vorangehen muss – trotz aller Widerstände. Es liegt an uns, für den groß angelegten Umweltthriller „Die Erde“ noch eine weitere Staffel zu schreiben oder ihn als Dystopie enden zu lassen. ● ○