Kabarettpreis / Stefan Joham

Christoph Fritz

Ministrant auf Pause


Hier kommt die Zukunft: An dieser Stelle präsentieren wir in jeder Ausgabe Kunstschaffende in und aus Niederösterreich, die jünger als 35 Jahre sind. Diesmal: Christoph Fritz.

Christoph Fritz gilt als einer der Shootingstars der heimischen Kabarettszene. Nur herumgesprochen hat sich das nicht überall. Auf die Frage von morgen, ob er auf der Straße erkannt werde, antwortet der 25-Jährige: „Von Verwandten schon.“ Dabei lobten Medien vom ORF über die Süddeutsche Zeitung
bis zur Krone bereits sein aktuelles erstes Programm „Das Jüngste Gesicht“.

Fritz schöpft vornehmlich aus dem Autobiografischen, genauer: aus dem Fundus des persönlichen Elends. Mit einer Brille aus Horn und einer Physiognomie dahinter, die ein defätistisches Phlegma als Wesenszug verrät, steht er auf der Bühne. „Wie ein 15-jähriger Ministrant, der ein bisschen wie ein elfjähriger Ministrant ausschaut – der ein bisschen wie ein achtjähriger Ministrant ausschaut“, sagt er in seinem Programm. 

Dabei hält er – schlank und schlaksig – das Mikro in Händen, die wie zum Gebet gefaltet sind, und malträtiert die Zwerchfelle seines Publikums in kleinen Häppchen. Die Pausen dazwischen gehören zur Dramaturgie. Selbst wenn Fritz nichts sagt, ist er komisch. Das erhöht die Dramatik des Vortrags beträchtlich. Das Publikum muss lachen, traut sich aber nicht, um den nächsten Gag nicht zu überhören. Schließlich erlöst Fritz dessen Atemlosigkeit mit der Frage: „Steh ich so weit weg, oder brauchen Sie so lange?“

Als seinen Heimatort nennt Fritz Kleinschramming am Winzling – zumindest in seinem Programm. In dieser fiktiven Gemeinde sind alle miteinander blutsverwandt, der Zug hält höchstens einmal im Jahr, und dann nur, wenn sich jemand auf die Gleise wirft. Oder geworfen wird. „Da ist man sich uneins“, sagt Fritz auf der Bühne. 

Tatsächlich kommt der Kabarettist aus Hausleiten im Bezirk Korneuburg. Womit man sich da die Zeit vertreibt? „Mit Schlafen und beim Billa einkaufen.“ Nach der Matura studierte Fritz in Wien Europäische Wirtschaft und Unternehmensführung, anschließend arbeitete er bei einer Versicherung. Aber nur kurz: Unter dem Eindruck amerikanischer Stand-up-Comedians versuchte er sich selbst in dem Fach. Zuerst auf Englisch, was aber in Österreich sein Publikum künstlich exklusiv gehalten hätte, also wechselte er ins Deutsche – und schon erhielt er einschlägige Preise wie die Kleinkunstkartoffel, nahm an Wettbewerben wie dem Kleinkunstnagel und dem Kleinkunstvogel teil. Als artiger Empfänger will er im Gespräch nichts Negatives über die Nomenklatur dieser Auszeichnungen sagen – es folgt eine Kunstpause. Die Zivilperson wirkt in diesen Momenten mit dem Bühnen-Ich deckungsgleich, ebenso das schelmische Lachen, das die Pause beendet.

Zurzeit ist Fritz wieder auf Tour. Er tritt in Österreich und Deutschland auf, in Österreich ist es einfacher. Da muss man nicht erklären, dass Niederösterreich ein Teil von Österreich ist, in Deutschland geht er auf Nummer sicher. Angst, seinem Babyface-Image zu entwachsen oder dass das thematisch von ihm strapazierte Elend von seinem Erfolg verdrängt werden könnte, hat er keine: „Neue Umstände bringen neue Inspiration.“ Letzte Frage: Rasieren Sie sich heimlich? Fritz: „Ja, aber ich verrate nicht, wo.“ ● ○