Öffnung

Hoffen, staunen, zweifeln


Wenn in Österreich die Öffnung des Eisernen Vorhangs gefeiert wird, so kommen in den Medien häufig jene zu Wort, die diese von der heimischen Seite aus erlebten. Doch wie erinnern sich Menschen jenseits der einstigen Trennlinie an die dramatischen Tage des Umbruchs? Und wie schätzen sie die Lage ihres Landes heute ein? morgen hörte sich bei Kunstschaffenden aus Bratislava, Prag und Slowenien um. Sie erzählten von Demonstrationen in ihrer Heimat und Streifzügen nach Wien, von Fehleinschätzungen und feudalen Strukturen, von Freiheit und dem schwierigen Umgang damit.

Ilona Németh, Künstlerin

Ungarn war in den 1980er-Jahren das kommunistische Land mit den meisten Freiheiten. Deshalb ging ich, geboren in der Tschechoslowakei, zum Studium nach Budapest. Als Kunststudentin schmuggelte ich Samisdat-Schriften, also im Eigenverlag produzierte Schriften der Regimekritiker, über die Grenze. Die Stimmung war eine ganz andere als in der Tschechoslowakei. Da Ungarn nicht slawischsprachig ist, fiel es dem Land offenbar leichter, auf Distanz zur Sowjetunion zu gehen.

Ab 1986 arbeitete ich in Bratislava. Dort repräsentierten wir die ungarische Minderheit unter dem Sammelbegriff „Ungarische Unabhängige Initiative“, die ich mitbegründete. Wir kooperierten mit „Public Against Violence“, der damals wichtigsten Initiative in der Tschechoslowakei. Die Demos begannen am 16. November 1989, organisiert von Kunststudierenden in Bratislava. Anders als in Ungarn gab es in der Tschechoslowakei eine regelrechte Revolution. Eine friedliche Revolution ganz ohne Gewalt. Ich erinnere mich, dass jeden Tag etwas enorm Wichtiges passierte, auch an dieses eigenartige Gefühl von Macht: Wir, die „Ungarische Unabhängige Initiative“, waren aufgerufen, jemanden ins Parlament zu entsenden. Das erste freie Parlament bestand ja aus entsandten Personen, nicht aus gewählten. Wir waren damals in der Lage, innerhalb von ein paar Minuten Abgeordnete zu ernennen. Oder einen Minister. Damals lernten wir, dass wir allein durch unsere Gegenwart auf den Straßen und Plätzen etwas verändern können.


Die Revolution in Ungarn wurde 1956 gewaltsam niedergeschlagen, 1968 war es dasselbe in der Tschechoslowakei: Wir haben verloren. Aber 1989 haben wir gewonnen. In Ungarn machten die Menschen diese Erfahrung nie. Die Regierung wurde aufgrund einer Absprache zwischen den Underground-Politikern und den offiziellen Machthabern ausgewechselt. Es war eine Art Vertrag, der am runden Tisch ausgehandelt wurde. Die Menschen bekamen die Freiheit als Geschenk. Heute haben sie die Fähigkeit zu handeln verloren. Ungarn ist ein Land von Oligarchen. Auf eine gewisse Art ist die Gesellschaft zurück in den Feudalismus gefallen. Die Menschen sind machtlos, sie fühlen, dass sie keine Möglichkeiten haben, etwas zu verändern.

Ilona Németh, geboren 1963 in Dunajská
Streda, heute Slowakei. Ihre Arbeit umfasst In­stallationen, Videos, Konzeptkunst, künstlerische Forschung sowie kuratorische Tätigkeiten.

Juraj Čarný, Kurator

Am 16. November 1989 gab es in Bratislava eine Kundgebung gegen das Regime, genau einen Tag vor der in Prag. Viele meiner Schulfreunde hatten Angst teilzunehmen. Ich dagegen fürchtete mich nicht und war der Auffassung, dass wir kämpfen müssen. Auch wenn unklar war, ob die Machthaber gegen die Demonstrantinnen und Demonstranten einschreiten würden.

Es wurde enorm viel diskutiert. Es war schwierig, sich Informationen zu beschaffen. Mein Vater saß die ganze Nacht am Telefon. Die Stadt war voller Transparente, die von den Kunststudentinnen laufend produziert wurden. Optisch war die Revolution extrem attraktiv! Als Teenager habe ich nicht gedacht, wow, jetzt kann ich nach Amerika fahren oder mir Paris ansehen. Nein, ich habe gedacht, jetzt kann ich nach Österreich fahren. Ich hörte Ö3. Das war mein einziger Kontakt zur westlichen Musikszene.

Wien war so nah, aber es zu besuchen – das war zuvor vollkommen unmöglich gewesen. Ein paar Tage nach der Öffnung der Grenze fuhren wir hin. Alles war extrem teuer. Und wir hatten keine österreichische Währung. In den Geschäften sah ich Schilder in slowakischer Sprache: „Nicht stehlen!“ Im Koh-i-Noor-Laden, einem Schreibwarengeschäft auf der Kärntner Straße, bekam ich einen Hundert-Schilling-Schein geschenkt. Ich kaufte sofort Bleistifte.


Plötzlich hatte ich die Freiheit zu tun, was noch ein paar Jahre zuvor komplett unmöglich war. Heute stelle ich mir die Frage: Wo haben wir Fehler gemacht? Wir haben die Gefahren des Kapitalismus nicht erkannt. Wir waren nicht reif dafür.

Die Slowakei steht heute besser da als Ungarn, Polen oder die Tschechische Republik. Warum? Die 1990er-Jahre waren eine so schwierige Zeit. Im Februar 2018 legte die Ermordung des Journalisten Ján Kuciak und seiner Freundin Verflechtungen zwischen den damaligen Machthabern und der Mafia offen. Wäre Kuciak nicht gestorben, wäre uns das nie so eindeutig klar geworden. Das ist vielleicht der Grund, warum wir heute eine Präsidentin haben, die ganz anders tickt als die anderen. Und seit einem Jahr einen Bürgermeister, der Architekt und Musiker ist. Er hat schon einiges bewirkt.

Juraj Čarný, Jahrgang 1974, ist Künstler, Kunsthistoriker, Galerist, Theoretiker, Lehrer und Kurator in Bratislava.

Mateja Koležnik, Theaterregisseurin

Ich habe 1989 wie jeden Sommer als Reiseführerin an der kroatischen Küste gearbeitet. Ich sah die Bilder in den Abendnachrichten. Es war wie ein Science-Fiction-Film. Obwohl wir Menschen aus den sozialistischen Ländern es erwartet haben. Wir dachten: Aha, jetzt geht es los! Mein Vater war Kommunist. Ich nicht. Ich war wohl liberal. Ich weiß nicht genau, was ich damals war. Ich war nicht in Opposition und nicht gegen den Kapitalismus. Ich war zu jung, zu dumm, um zu kapieren, worum es ging. Über alle Maßen glücklich war ich jedenfalls nicht.

Für Slowenien war 1991 das entscheidende Datum, der Zusammenbruch Jugoslawiens. Am 25. Juni 1991 erklärten Kroatien und Slowenien ihre Unabhängigkeit. Das löste bei den Leuten keine Euphorie aus, denn bei uns wusste jeder, dass es einen Krieg zwischen unterschiedlichen Nationen und Religionen geben würde. Der Untergang Jugoslawiens war ein Sieg des Nationalismus über den Kommunismus, der Kapitalismus ein Nebeneffekt. Ich bin nicht jugo-nostalgisch. Ich denke nicht, dass es damals besser war. Aber was die Kulturpolitik betrifft, war es ein besser organisiertes System. Vielleicht hatten wir so etwas wie Zensur. Zu dem Zeitpunkt, als ich zu arbeiten begonnen habe, war davon nichts zu spüren, ich war frei in meiner Arbeit. Alles wurde aus dem Staatsbudget bestritten. Heute sind die Budgets gekürzt. Heute müssen wir alles verkaufen. Wenn wir es nicht verkaufen können, heißt es, dass es keine Kunst sei.


Heute reden wir nicht über Kunst, sondern über die „Kultur des Seins“ – also darüber, dass du deinen Körper trainieren musst, dass du dich gesund ernähren musst, dass du spazieren gehen musst und hie und da auch ins Theater, um dich gut zu fühlen. Was wir gegenwärtig erleben, ist ein Cyber-Biedermeier!

Kunst muss Angst einjagen, provozieren, einen für Neues öffnen, nicht einem dabei helfen, sich gut zu fühlen.

Die Theaterregisseurin Mateja Koležnik, 1962 in Metlika, heute Slowenien, geboren, inszeniert an allen wichtigen Bühnen des früheren Jugoslawien. Derzeit arbeitet sie an Maria Lazars Einakter „Der Henker“, der im Dezember am Wiener Akademietheater Premiere hat.

Radka Denemarková, Schriftstellerin

Ich war 21 Jahre alt und naiv. Damals studierte ich in Prag. Der 17. November 1989 wird mir immer in Erinnerung bleiben. So etwas habe ich seither nie mehr erlebt. Diese Solidarität! Diese Courage! Diese Offen­heit! Die Studentinnen der Theaterfakultät hatten zum Streik aufgerufen. Wir übernachteten auf der Uni. Die Hoffnung war groß. Ich dachte an meinen Vater, der Lehrer und Musiker war. Er gehörte zu jener Generation, für die Wahrheit und Freiheit höchste Werte waren. Er war überzeugt, dass man Verantwortung für die Welt trägt. Zu Hause wurde viel über 1968 gesprochen. Im Keller hatte mein Vater eine Bibliothek mit Werken verbotener Autoren. Als Kind hatte ich den Eindruck, dass der Prager Frühling Jahre gedauert hat, in Wirklichkeit waren es nur ein paar Monate.

1989 war Licht am Ende des Tunnels. Es folgten die ersten Ausflüge in den Westen, zunächst nach Wien. Die Österreicher waren so großzügig! Man gewährte uns freien Eintritt in Museen. Meine Kolleginnen interessierten sich aber nur für die Kaufhäuser und Märkte. Sie staunten über die vielen Produkte, die verschiedenen Gemüsesorten, das Obst. Ich wäre lieber ins Museum gegangen. Heute tritt alles noch klarer zutage: Osteuropa hat vom Westen vor allem den Konsum übernommen. Mittlerweile wissen wir, dass eine demokratische Gesellschaft andere Werte braucht. Damals ging alles zu schnell.


Die Dissidenten hatten die Hoffnung, jetzt könne das Land bei Null beginnen. Doch es war Chaos pur. Ein absurdes Chaos! In der Wirtschaft setzte sich ein wilder Kapitalismus durch. Die Mitarbeiter von Stasi und KP sind an wichtigen Stellen geblieben. Das ist Gift für eine Gesellschaft! Heute ist es egal, wie jemand zu Geld gekommen ist und normal, zu lügen und zu stehlen. Aber soll sich die Welt zum Besseren wenden, muss sich vor allem etwas im menschlichen Bewusstsein ändern. Jeder muss sich aus dieser schrecklichen Verwicklung in allen Mechanismen der Totalität – vom Konsum über die Repression und Reklame bis zur Manipulation durch Medien – befreien. Jeder muss die tiefere Verantwortung für die Welt wieder in sich selbst finden.

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Radka Denemarková wurde 1968 in Kutná Hora, heute Tschechien, geboren. Ihre Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Zuletzt auf Deutsch erschien ihr Roman „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ im Verlag Hoffmann und Campe.